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Von Ghadames nach Ghat: In Libyen fühlen sich Sahara-Touristen sicherer als in den Nachbarländern. Endlose Weite unter wolkenlosem Himmel. Bei den Tuareg, den "Fürsten der Wüste".
Ghadames, Oasenstadt im Dreiländereck Libyen-Tunesien-Algerien, ist ein Unesco-Weltkulturerbe. Für den Besuch der von einer Lehmmauer umschlossenen Altstadt sind fünf Dinar zu bezahlen. Abgedeckte, dämmerige Gassen führen zu kleinen, von einer strahlend weißen Moschee und von weiß getünchten Steinbänken eingefassten Plätzen.
In die Hauswände sind Nischen und Stuckornamente eingelassen, und man wundert sich, dass in diesem originellen Berberstädtchen kaum Menschen zu sehen sind, nur Bauarbeiter und ein paar alte Männer. Offizielle Erklärung: um die Medina vor dem Verfall zu retten, werden die Einheimischen in Neubauten umgesiedelt. Die historische Altstadt wird als Heritage Site hergerichtet.
Das Museum von Ghadames bewahrt Relikte der römischen Gründung Cydamus, einem wichtigen militärischen Außenposten der Römer in der Sahara. Nach ihnen stießen Berber und arabische Eroberer hart aufeinander. 1911 verleibten sich die Italiener Libyen als Teil des Osmanenreiches ein. Die letzten Kriegsspuren hinterließ das deutsch-italienische Afrikakorps. Unter den rund 35.000 Einwohnern von Ghadames soll es noch einige uralte Libyer geben, die Italienisch sprechen.
Im Hochsommer, wenn die Hitze 40 Grad übersteigt, kehren viele Einwohner in ihre alten Häuser zurück. Ein Nachtlager auf dem flachen Dach ist ihnen dann doch lieber als moderne, defektanfällige Klimaanlagen. Die Jugend hingegen zieht es immer mehr in die neuen Caféhäuser und auf die Spielplätze vor der Stadtmauer als zur Arbeit in den Oasengärten oder zur Plauderstunde auf den verwinkelten Altstadtplätzen.
Wie Symbole des technischen Fortschritts im reichen Entwicklungsland Libyen erscheinen die Masten der Starkstromleitung, die vom Meer an Ghadames vorbei noch 720 km weiter nach Ghat führt. Als Knotenpunkt des Karawanenhandels war Ghat ebenso bedeutend wie Ghadames. Für die Route A6 entlang der libysch-algerischen Grenze muss eine Fahrgenehmigung eingeholt werden. Die Grenzroute ist der kürzeste Weg von Ghadames zu einer anderen Weltkulturstätte Libyens - den berühmten Felszeichnungen im Wadi Mathendous.
Statt den weiten Umweg auf durchgehend asphaltierter Straße über Darj und Sebha zu wählen, lassen sich die Wüstenfahrer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auf ein Abenteuer ein. Zur Positionsbestimmung ihrer Geländewagen-Karawane werden GPS-Geräte benutzt. Die Masten der Starkstromleitung ersetzen streckenweise leere Öltonnen und Markierungsstäbe als Wegweiser. Steppenwüste, staubige Abschnitte gehen in Kies- und Sandgelände über. Aus der Ebene erheben sich vereinzelt Tafelberge. In der Ferne deuten Rauchwolken die algerischen Erdölfelder von In Amenas an. Auf libyscher Seite hat die weite Flachlandschaft noch etwas Unverbrauchtes, Jungfräuliches. Kein Haus, keine Hütte, kein Brunnen ist zu sehen, weder eine Kamelkarawane noch eine Grenzpatrouille, nur endlose Weite unter wolkenlosem Himmel.
Erg Ubari: Prototyp der Wüste
Unvermittelt stoppen die Fahrzeuge an einem Plateau-Abbruch. Am Horizont verläuft eine rosafarbene Dünenkette - die lang ersehnte Sandwüste des Erg Ubari, eine Sahara-Landschaft, wie man sie oft als Prototyp der Wüste abgebildet findet, obwohl sie nur ungefähr ein Fünftel der größten Wüste der Erde ausmacht. Auf dem sandüberwehten Untergrund setzen die Fahrer zu einem Rennen an. Die Ausläufer des Erg kommen näher, Sandzungen, Walfischdünen schütteln Wagen wie Passagiere wie ein Schifflein auf hoher See. Wie auf einer Achterbahn jagt der Wagen eine haushohe Sicheldüne hinauf, hält auf dem Kamm kurz an und gleitet dann den Hang hinab.

In einem von Sandtrichtern durchsetzten Dünenmeer finden sich die Wüstenfahrer wieder, werden die Zelte aufgebaut. Die libyschen Begleiter stellen Klapptische und Bänke auf, ein Tuareg-Koch bereitet das Abendessen. Im Mondlicht wird das urige Ritual des Teezubereitens zelebriert. Später am Lagerfeuer stimmen die Begleiter gutturale, von Trommelspiel und einer Schalmei untermalte Gesänge an.
Phantastisch wie der Sonnenuntergang auch das Aufleuchten der Dünenberge am Morgen, zuerst in Kupfer-, dann in Aprikosenfarben. Gegen Mittag verschwimmende Konturen, Schleierwolken, heißer, föhnartiger Südwind, der berüchtigte Ghibli. Noch einmal brausen und holpern die Geländewagen durch langweilige Hamada mit einzelnen Akazien und spärlichen Hartgras-Sräuchern. Eine Polizeistation an einem Brunnen, noch eine Wüstennacht im Wadi.
Am nächsten Tag ein dunkler Gebirgszug am Horizont. "Akakus", sagt der Fahrer. Sein Gesicht ist halb von einem Chech, dem landestypischen Wickelkopftuch, verhüllt. Die Steilwände und bizarren Gipfel des Akakus und des Idinen, festungsartige Gebirgskolosse, säumen die Asphaltstraße nach Ghat, wo ein Leichtbau-Hotel mit Duschen aufwartet. Kaum angekommen, verfinstert sich der Himmel, pfeift ein Sandsturm durch Lobby und Korridore, wackeln Wände und Fernsehbilder.
Ghat war die Hochburg, eines der wichtigsten Handelszentren der Tuareg, der so genannten "Fürsten der Wüste". Davon ist nur noch eine verlassene Altstadt an den Hängen des Festungsberges und ein moderner Stilmischmasch in der Unterstadt geblieben. In baufälligen Lehmhäusern haben Tuareg-Handwerker Silberschmuck und Lederwaren ausgelegt.
Durch den Sandstaub wälzt sich ein bunter Strom von Vehikeln und Menschen. Von der blauen Gandura, dem weiten, ärmellosen Gewand, und dem Chech ist so mancher Wüstensohn zu universalem Outfit, zu Parka und Baseballkappe übergegangen. Die Gesichtsschleier der "blauen Männer" sind passé, lediglich Tuareg-Frauen sieht man zuweilen noch in wunderschönen Stammesgewändern.
INFO LIBYEN Reisetermine SN-Leserreise "Libyen - Höhepunkte der Antike" vom 19. bis 26. Oktober 2004. Beratung und Buchung: Travel Star - Das Reisekontor. "Erlebnisreise Libyen" vom 26. September bis 4. Oktober 2004. Info und Buchung: Reisebüro Kuoni. "Libyen - Faszination Antike" vom 17. bis 27. Oktober 2004. Auskunft und Buchung: Seereisen-Center.
Autor/in: HANS DIETER KLEY
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