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Reiseberichte

Kunstwerk der Natur
3. Juli 2004
Was einmal weiter unten im Grand Canyon seinen Höhepunkt erreichen wird, fängt klein und zauberhaft in Utah an: die Canyonlands des Colorado River.

Wenn man von Osten auf dem „70er“ nach Utah kommt, aus Richtung Denver und den Rockies, dann ist Cisco gleich die erste Ausfahrt. Kein Mensch auf der Straße, nur Sand und Staub und ein aufgescheuchter Hund unbekannter Rasse. Weiß der Himmel, wer den füttert; die Häuser jedenfalls sind so  zerfleddert wie die Autowracks in ihren Vorgärten. Nur die Bahnlinie, einst wohl Grund für Ciscos Blüte,   scheint in Schuss zu sein. Gut sechs Stunden mag ein Zug nach Salt Lake City brauchen; den Bahnhof freilich hat der Wüstenwind verweht.

Nur wer dem Colorado River folgen will, hat Grund, in Cisco abzufahren. Hier knickt der Fluss nach Süden weg vom Interstate, schlängelt sich, dem Blick entzogen, durch die Wüste, um dann die Berge anzuschneiden. Noch ist viel Platz in dieser ersten Schlucht, der auch das Sträßchen folgen wird  – Platz für Picknick am Ufer, saftig grüne Pferdekoppeln und „Unsere kleine Farm“ unter alten Bäumen. Von nun an wird der Fluss die Schlucht kaum mehr verlassen, wird sich winden und verbiegen und dabei immer tiefer in den kilometertiefen Sandstein des Colorado-Plateaus eindringen, um dann irgendwann „unten“ in Arizona die Sohle des Grand Canyons zu bilden. Canyonlands heißt dieses Kunstwerk der Natugewalten hier im Südosten des Mormonen-staats, wo sich Dutzende von Nationalparks und Schutzgebieten aller Art aneinanderreihen. Rund ums Jahr spüren  Hunderttausende hier dem Kino-Traum vom Wilden Westen nach.

Auf „Utah Highway 128“ verirrt sich aber selten eine  Harley. Dabei wird man den legendären Fluss weiter südlich in den großen Parks kaum mehr zu Gesicht bekommen: 600 Meter Tiefe misst die Schlucht im Canyonlands-Nationalpark, zwei Kilometer gar sind es im Grand Canyon – ein Fall fürs Fernglas! Hier am Sträßchen macht der Colorado seinem Namen alle Ehre: die Fluten türkis, gelbes Laub und knallig-roter Sandstein, dazu tiefblau im Dunst der Ferne die  La Sal Mountains. Auf stolze 4175 Meter bringt es dort Mount Peale als Utahs zweithöchste Erhebung. Schneeschuhe, Langlaufen und Pulverschnee – kaum zu glauben hier unten im Indianerland!

Eher schon, dass sich Moab in den letzten Jahren zu einem Mekka der Mountainbiker gemausert hat. Wie das Corned Beef im Sandwich liegt das 5000-Einwohner-Städtchen zwischen den beiden großen Nationalparks Arches und Canyonlands – keine Frage, wovon hier die Leute leben. Aus mehr als 1200 Zimmern kann man wählen, wenn der Ort  nicht gerade  im Sommer oder zu Thanksgiving ausgebucht ist: Rucksack-Hostel, Camping und natürlich Besseres mit Pool, dazu vielleicht  ein Miet-Geländewagen, eine Zelterlaubnis fürs Hinterland oder eine Rafting-Tour auf dem Colorado: In Moab kriegt man alles! Das Biker-Mekka  heißt Slickrock Bike Trail, geht 16 km über Stock und Stein und ist ein Muss für jeden „Bergradfahrer“. Zehn Mal länger ist die White Rim Road im Norden des Canyonland-Nationalparks: In vier Tagen führt sie die modernen Pedal-Cowboys zu Ausblicken und Windungen  außerhalb der Reichweite von Mietwagen-Besuchern.

Ohren spitzen und  absolute Stille hören

Auch  wer zum ersten Mal die Runde durch den Westen macht, mit einem Auto und drei Wochen Zeit im Rücken, wird auf seine Kosten kommen. In Utahs Canyonlands muss man keine Expeditionen ausrüsten, um Schluchten und Berge, Felsnadeln und Zinnen, Steinbogen und  Steinfenster, Hochplateaus und endlos weiten Himmel zu erleben. Man kann hier einfach mal für ein Foto halten, dort einen kurzen Rundweg oder eine kleine Wanderung machen – oder eben doch mit Sack und Pack ins Hinterland verschwinden. Kein Stäubchen trübt die klare Luft, keine Stadt auf hunderten von Kilometern: Oft reicht der Blick in die Unendlichkeit, und wer abseits von allem anhält und die Ohren spitzt, wird absolute Stille hören.

Oder vertraute Töne: Ein Mensch im Liegestuhl unter Delicate Arch: „Don’t be an arch hog!“,  heißt es darunter. „Dass mer sich net zu lang unner de Artsch hogge soll!“, übersetzt jemand das  Hinweisschild – nicht ganz korrekt, aber so dem Sinn nach – seinen Reisekumpels. Wer auch würde Arches Nationalpark besuchen, ohne einmal unter dem berühmtesten Steinbogen der Welt gestanden zu haben? Anderthalb Meilen bergauf, über Felsgestein, das so ebenmäßig und griffig ist wie der Rücken eines Pottwals, um dann oben am Rand eines natürlichen Amphitheaters zu stehen: Geradeaus der berühmte Bogen, frei stehend, nichts das ihn stützen oder die Blicke von ihm wegziehen würde; im Hintergrund verschneite Berge, ganz so wie  in unzähligen Bildbänden und auf Kalenderblättern. Delicate Arch ist gleichmäßig geformt, vielleicht ein bisschen kopflastig und auf der rechten Flanke schon bedenklich dünn. Also kurz mal drunter für ein Foto (nicht  „den Bogen überspannen!“) – weiß man, ober er nächstes Jahr noch steht?

Er wird es wohl, so wie die 950 anderen  natürlichen  Bögen, Fenster und Portale allein im Arches-Nationalpark. Drei Fuß Durchmesser, etwa so viel wie eine Pizza  (Familiengröße) unten in Moab, muss eine Aushöhlung haben, um offiziell als „Arch“ zu gelten. Doch auf Kleinkram achtet niemand: Landscape Arch zum Beispiel, ein dünnes Felsbändchen, das jeden Statiker verzweifeln ließe, bringt es auf stattliche 92 Meter Spannweite, und im North Window im „Garten Eden“ hätte locker ein kleines Hochhaus Platz.

Wasser, sagen die Geologen, mache die Kalkverbindungen im Sandstein weich, weniger dichte Gesteinslagen brächen dadurch auf oder würden vom Frost weggesprengt – bis   nach Jahrtausenden der blaue Himmel durch den Felsen scheint.

Trotzdem bleiben Fragen: Warum gerade hier, so konzentriert und so verrückt, als hätte die Natur was ausprobiert und dann verworfen? Oder kann ein Mensch erklären, warum Balances Rock, ein viele tausend Tonnen schwerer Brocken, wie draufgeklebt auf einer 30 Meter hohen Säule ruht? Sein „kleiner Bruder“ nebenan brach 1975 zusammen – eine der wenigen auffälligen Veränderungen seit Menschengedenken. Nichts geht wirklich schnell in Utah. Doch irgendwann, wenn auch das letzte Autowrack in Cisco sich in Wüstenstaub verwandelt hat, wird jenes letzte Körnchen, das den Felsen oben hält, aus der Säule brechen. Gut einstweilen, dass man hier war.

INFO UTAH
Anreise
Großflughafen in Denver, Salt Lake City, Las Vegas, ab dort jeweils ca. 1 Tag im Mietwagen (Interstate 70 bis Ausfahrt 212 Cisco, dann Highway 128 entlang Colorado River); Bus   (1 x tgl.  von Airport Salt Lake  Citx nach Moab (Bighorn Express).

Auskunft
Utah Travel Council, Capitol Hill, Salt Lake City, UT 84114; Tel. 001/800/200 11 60; Fax: 801/538 13 99; Internet: www..utah.com
Moab Information Center, 3031 South Highway 191, Moab, UT 84532; Tel. 001/800/840 89 78; Internet: www.discovermoab.com
US-Nationalparks, www.nps.gov; www.americanparksnetwork. com; www.nationaparks.org/guide.htm

Klima/Reisezeit
Alle Parks ganzjährig offen. Günstig für Aktivitäten: Frühjahr,  Herbst. Heiße Sommer meiden (Tagestemperaturen über 40); Schnee   von Oktober bis Mai möglich, aber  nicht in Massen.

Autor/in: LOTHAR STEIMLE

© SN

 

diese seite | 05.07.2004 | 14:18

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