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Ein Blick auf die Landkarte und ein bisschen Fantasie: Tunesien sieht aus wie ein Seepferdchen, das den Kopf ins Grüne bettet, den Bauch ins Wasser streckt und mit dem Hinterteil im Sand badet.
Wer kann es dem sonnenhungrigen Urlauber schon verdenken, wenn er sich vom Golf von Hammamet des Seepferdchens Bauch entlang bis zum Golf von Gabes fast ausschließlich dem Badevergnügen hingibt und sich höchstens ein paar Meter vom Strand entfernt, um eine Golfrunde zu drehen? Dabei sind die zwischen Scheitel und Kragen angesiedelten, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Zeugnisse der Geschichte und Kultur Tunesiens von den Tourismuszentren aus schnell zu erreichen. Die Erkundungsfahrten führen durch Landschaften, die der passionierte Liegestuhl-Urlauber nicht einmal im Traum erwartet.
Südlich von Tunis breitet sich die Landschaft sanft hügelig bis bretteleben aus. Olivenhaine bieten ein ruhiges, friedliches Bild. Kaktusfeigen, viel schöner als Stacheldraht, frieden die Felder ein. Auf den grünen Wiesen grasen Esel und Maultiere, wo der Boden karger ist, weiden Schafe und Ziegen. Siebenmal Kairouan ist einmal Mekka
Der Regen hat die Wadis gefüllt, an den Ufern gedeihen sogar Pfirsiche. Raps bildet gelbe Flächen, Mohnblumen setzen rote Farbtupfer. An von Eukalyptusbäumen begleiteten Straßen bieten Kinder Fladenbrot an. Kairouan ist erreicht. „Keine nackten Schultern, keine kurzen Hosen”, gebietet ein Schild in der nach Mekka, Medina und Jerusalem vierten Heiligen Stadt des Islam. Jedes Jahr pilgern Millionen von Gläubigen hierher und in den nächsten sechs Jahren wieder. Die Tunesier ersparen sich damit eine viel längere Reise, denn, so heißt es, sieben Wallfahrten nach Kairouan können vor den Augen Allahs die vorgeschriebene Hadsch nach Mekka ersetzen.

Die mauerumgebene Medina mit ihren bedeutenden Sakralbauwerken zählt zu den schönsten und meistbesuchten Sehenswürdigkeiten des gesamten Maghreb. Die 672 n. Chr. errichtete Sidi-Oqba-Moschee mit ihrem gewaltigen, in die Umfassungsmauer einbezogenen, 35 m hohen Minarett ist eines der bedeutendsten und ältesten islamischen Bauwerke in Nordafrika. In der Nähe der Moschee liegen die 1969 restaurierten Aghlabiden-Bassins. Sie stammen aus dem 9. Jh. und sind zwei von ursprünglich mehreren Wasserspeichern, die zum Aghlabiden-Palast gehörten. Nach wenigen Gehminuten ist die Barbiermoschee erreicht, die über dem Grabmal eines 685 verstorbenen Gefährten Mohammeds errichtet wurde. Der Legende nach soll Sidi Sahab als Zeichen seiner Verehrung immer einige Barthaare des Propheten bei sich getragen haben, aber kein Barbier gewesen sein.
Dem Nabel des Seepferdchens ziemlich nahe, in El Jem, klotzt mitten im Ortszentrum eine kolossale Ruine aus der Römerzeit. Zu Recht trägt das Amphitheater den Beinamen „Afrikanisches Kolosseum”, ist es doch nach dem Kolosseum in Rom, dem Theater von Pozzuoli bei Neapel und dem in seiner Ursprungsform nicht mehr erhaltenen Amphitheater von Karthago das viertrößte Theater, das es im römischen Reich je gegeben hat. 30.000 Zuschauer verfolgten in der Arena blutige Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen.
In Sousse hat die UNESCO die an einem Hang über dem Hafen gelegene, von einer Stadtmauer umgebene Medina unter besonderen Schutz gestellt. In den ausgedehnten, teils überdachten Souks herrscht buntes orientalisches Treiben, und wer dort nicht um jeden Dinar feilscht, ist selber schuld. Eine ganz andere Welt tut sich im 10 km entfernten Port El Kantaoui auf. In dem im maurischen Stil erbauten modernen Fremdenverkehrszentrum gruppieren sich um den Yachthafen Luxushotels, Appartement-Anlagen, Restaurants, Cafés, ein Einkaufszentrum und ein Golfplatz.
Auf halbem Weg nach Dougga mehren sich die Wasserläufe. Am Fuß des Djebel Zahougan, mit 1296 m der zweithöchste Berg Tunesiens, breiten sich sattgrüne Weizenfelder aus. Auf dem Ruinengelände von Thuborbo Majus ragen die Reste von Tempeln und Thermen aus einem in allen Farben leuchtenden Blumenteppich. In Dougga selbst, der besterhaltenen Römerstadt in Afrika, erheben sich die 1921 restaurierten, von einem Mäzen finanzierten Prachtbauten weithin sichtbar auf einem Plateau am Rand der Monts de Teboursouk. Der Blick ins Tal gleitet über die gesamte antike Stadt bis hinunter zum numidischen Mausoleum.
Karthago heute noble Vorstadt von Tunis
Angekommen in Karthago, an der Stirn des Seepferdchens, tauchen Hannibal und die Punischen Kriege irgendwo im Hinterkopf auf. Von der einst berühmtesten Stadt Nordafrikas sind nur spärliche Reste übrig geblieben. Mit seinen von Palmen und Eukalyptus gesäumten Alleen, den Villen und Gärten voll roter Hibiskusblüten und lila Bougainvilleen ist Karthago heute der schönste Vorort von Tunis. Diesen Rang kann ihm nur Sidi Bou Said streitig machen. Das malerische andalusische Dorf mit seinen weiß getünchten Häusern und blau gestrichenen Türen verdankt seine Berühmtheit Paul Klee, August Macke und Louis Moillet, die während einer Tunisreise 1914 sein Ortsbild auf Bildern festhielten.
An Tunesiens Mittelmeerküste eröffnet sich ein kostbares Mosaik der Sinne, das dreitausendjährige Kultur, angenehmes Klima, eine reizvolle Landschaft und das faszinierende Nebeneinander von Tradition und Moderne widerspiegelt.
INFO TUNESIEN
Auskünfte Fremdenverkehrsamt Tunesien, 1010 Wien, Opernring 1/R109; Tel. 01/5853480; Fax 01/5853480- 18; http://www.tunisietourisme. com.tn; tunesien@magnet.at
Staat Präsidiale Republik, strikte Trennung von Religion und Staat.
Fläche 164.150 qkm, 1300 km Küstenlänge, 9,6 Millionen Einwohner, davon 2 Millionen im Großraum der Hauptstadt Tunis.
Religion Islam, diverse christliche und jü-dische Gemeinden.
Sprache Arabisch offizielle Landessprache, Französisch weit verbreitet, Englisch.
Währung Tunesischer Dinar (1 Dinar = 1000 Millimes = 0,75 Euro).
Klima Mittelmeerklima im Norden und an der Küste, halbtrocken im Landesinneren und im Süden.
Flughäfen Tabarka, Tunis/Carthage, Monastir/Skanes, Sfax, Gafsa, Djerba/ Melitta, Topzeur/Nefta.
Autor/in: INGO WINKLER
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