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Reiseberichte

Gärtner auf St. Helena
20. März 2004
Sankt Helena, die ferne Insel im Südatlantik, setzt auf Napoleonkult und Briefmarken, auf Kreuzfahrttouristen und Langstreckenjets. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Bonaparte der Gartengestaltung.

Napoleon soll beim Anblick von Sankt Helena, seinem Verbannungsort im Südatlantik, gesagt haben: "Kein schöner Ort. Ich wäre besser in Ägypten geblieben, dann wäre ich jetzt Kaiser des Orients." Was der Ex-Kaiser am 15. Oktober 1815 sah, war ein etwa 15 km langer, steil aus dem Ozean aufragender, zerklüfteter Gebirgsbuckel. Oft ist er in Wolken gehüllt, dann wirkt er ziemlich düster - wie ein "Maulwurfshaufen, der keinen Platz für wahre Größe bietet" (Napoleon über Europa).

Der Verbannte hatte die Landung auf Sankt Helena bis zum Einbruch der Dunkelheit aufschieben lassen, um den neugierigen Blicken der ums Ufer von Jamestown zusammengeströmten Inselbevölkerung zu entgehen. Die Passagiere des Kreuzfahrtschiffes "Hanseatic" hingegen drängt es sogleich nach dem Frühstück in die Tender. Sie hatten seit den Kapverdischen Inseln fünf Tage auf See, einen Tag auf der Vulkaninsel Ascension, eine Äquatortaufe und Vorträge mitreisender Lektoren hinter sich. In Ascension waren braunhäutige Passagiere, so genannte "Saints", Kontraktarbeiter von Sankt Helena, an Bord gegangen - im paramilitärischen Bereich von Ascension Island winken bessere Verdienstmöglichkeiten als auf ihrer Heimatinsel.


Ein tropisches Pflanzenreich


Die Inselhauptstadt Jamestown liegt eingezwängt in einer Schlucht, zwischen porösen, steinschlagverdächtigen Schlackenbergen, an denen sich schmale Autostraßen wie eine Achterbahn entlang winden. Unter steilen, von weißen Seeschwalben bewohnten Hafenklippen warten Ausflugvehikel, darunter ein offener Oldtimer-Bus aus dem Jahr 1929.

Die Sonne bricht aus der Wolkendecke hervor und lässt die Vulkanwände in vielen Farbtönen aufleuchten. Durch das Festungstor geht die Fahrt zum Hauptplatz des Städtchens, zu niedlichen öffentlichen Gebäuden im Kolonialstil und durch die bunt gestrichenen Häuserreihen der Main Street. Der Konvoi aus Taxis und Kleinbussen biegt in die Napoleon Street ein: In schwindelerregenden Kurven steigt die Straße bergan, von kahlen Erosionszonen, die wie Abraumhalden aussehen, in ein tropisches Pflanzenreich.

Zwischen Agaven und Hibiskus wird ein Stopp eingelegt. Zu Füßen der multinationalen Reisegesellschaft liegt "The Briars", die erste Bleibe Napoleons auf Sankt Helena. Longwood House, sein späteres Domizil, musste für den prominenten Ankömmling und seine 26 Begleiter noch hergerichtet werden. Es sei "wie geschaffen, um Stockflecken auf den Mö-beln und Rheumatismus bei den Menschen hervorzurufen", hatte er bei seiner ersten Inspektion befunden. Im schmucken Anwesen der Familie Balcombe, inmitten ihrer vier Kinder, hatte er sich wohler gefühlt.

Er habe das Gefühl, in seinem Grab zu leben, erklärte Napoleon zwei Jahre nach seiner Ankunft auf der "Gefängnisinsel". Bei seinen Ausritten und Spaziergängen hatte er in einer tiefen Felsschlucht eine Stelle entdeckt, die er sich als seine Grabstätte wünschte. Sie ist das nächste Ausflugsziel. Ein gepflegter Graspfad führt hinunter in die Schlucht, wo in der Nähe einer Quelle eine Steinplatte und ein Eisengitter das leere Grab markieren. 19 Jahre nach Napoleons Tod wurden die sterblichen Überreste exhumiert und in den Pariser Invalidendom überführt.


Longwood House schmucker denn je


Nach luftiglustiger Fahrt durch rustikale Bergregionen wird Longwood House erreicht, Napoleons Wohnhaus. Es gilt als die Hauptattraktion Sankt Helenas. Seit Haus, Garten und Grabstätte 1858 von der französischen Regierung erworben und nach jahrzehntelanger Verwahrlosung gründlich restauriert, teilweise rekonstruiert wurden, weht an diesem Ort die Trikolore, kümmert sich der französische Konsul um die Erhaltung der kostenlos zugänglichen Erinnerungsstätte.

Napoleon bezog einen Flü-gel mit sechs bescheiden eingerichteten, mehr oder weniger engen Privaträumen. Der andere Flügel beherbergte seine Begleiter und Diener. Aus ihren Aufzeichnungen geht hervor, dass sich der gestürzte Herrscher eines rund 90 Millionen Untertanen zählenden Imperiums in seinen letzten Lebensjahren hauptsächlich der Gartengestaltung widmete. Wind und Feuchtigkeit, Ratten und Termiten machten dem Haus und seinen Bewohnern zu schaffen. Davon ist freilich nichts mehr zu spüren, wenn man sich jetzt zwischen dem raumfüllenden Billardtisch und der bleischweren Badewanne, dem einfachen Feldbett Napoleons, den kopierten Totenmasken und erneuerten Seidentapeten bewegt. Wahrscheinlich hat Longwood House nie so proper ausgesehen wie heute.

In umittelbarer Nähe liegt der Golfplatz. Etwas weiter, auf dem Hochplateau, soll ein seit langem geplanter Flugplatz für Langstreckenjets entstehen, eventuell mit EU-Unterstützung, außerdem ein Fünf-Sterne-Hotel. Sankt Helena sucht Anschluss an den internationalen Tourismus. Eine Flugverbindung würde den Postdampfer, der die ferne Insel bisher vierteljährlich anlief, überflüssig machen.


Tourismus setzt auf Napoleonkult


Auf dem Weg nach Plantation House, dem Gouverneurssitz, wird der schönste Inselteil passiert, eine reizvolle Wandergegend mit steilen Kuhweiden, knorrigen Korallenbäumen, mit wild wuchernden, aus Neuseeland eingeführten Hanfsträuchern, die einst der Inselwirtschaft Auftrieb geben sollten und nun zu nichts mehr nütze sind.

Vor der Eröffnung des Suezkanals hatte Sankt Helena vom regen Schiffsverkehr um das Kap der Guten Hoffnung profitiert. In Jamestown florierten der Zwischenhandel und die käufliche Liebe.

Die 1502 von portugiesischen Seefahrern entdeckte, aber von Portugal nicht in Besitz genommene Insel kann nicht mit Badestränden und zuverlässigem Sonnenschein aufwarten, wohl aber mit einer kontrastreichen Landschaft auf kleinem Raum. Im Landschaftspark von Plantation House können sich die Besucher mit Riesenschildkröten ablichten lassen. In Jamestown verbindet die Jakobsleiter, eine fast senkrechte Stiege mit 699 Stufen, die untere und obere Festung. Im Post Office finden Philatelisten viel begehrte Briefmarkenserien.

Das Tourist Office aber wird vor allem auf den fortwährenden Napoleonkult setzen - mag auch das Gerücht, Napoleon sei "von den Engländern" vergiftet worden, weiterhin durch Longwood House geistern.

INFO ST. HELENA

Lage
Insel im südlichen Atlantik, 1850 km von der Westküste Afrikas entfernt. Mit Ascension und der Inselgruppe Tristan da Cunha britische Kronkolonie Sankt Helena, Hauptort Jamestown.

Geschichte
1502 von portugiesischen Seefahrern entdeckt. Ab 1659 von der British East India Company kontrolliert. Kommandoübernahme durch britische Krone nach Ankunft Napoleons.

Anreise
Viermal im Jahr verkehrt zwischen Cardiff und Kapstadt das Fracht- und Passagierschiff "St. Helena". Termine und Preise: St. Helena Line, c/o Andrew Weir Shipping, Dexter House, 2 Royal Mint Court, London EC3N 4NN, England; Tel. 0044-20 78 164 800; Fax: 164 802; Website: www.aws.co.uk; Mail: reservations@aws.co.uk

Kreuzfahrtschiff
Die Atlantikinseln südlich des Äquators werden meist auf dem Weg von Europa nach Südafrika und in die Antarktis - und umgekehrt - von Kreuzfahrtschiffen angelaufen, unter anderen von den Hapag-Lloyd-Schiffen "MS Hanseatic" und "MS Bremen" während der Wintersaison (im südatlantischen Sommer). Nähere Informationen: Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten, Ballindamm 25, 20095 Hamburg; Tel. 040-300 14 600; Fax: 300 14 601; Internet: www.hlkf.de; Prospektservice: Tel. 018 056 610 33; Fax: 018 056 610 30.

Reiselektüre
"Des Kaisers letzte Insel - Napoleon auf Sankt Helena" von Julia Blackburn, dtv 1998.

Autor/in: HANS DIETER KLEY

© SN

 

diese seite | 22.03.2004 | 11:40

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