|
Leuchtendes Gold, flammendes Orange, sattes Rot, dazu ein Hauch vom Grün des letzten Sommers. Der "Indian Summer" von Neuengland steuerte auch heuer wieder "fahrplanmäßig" seinem Höhepunkt zu.
Dass sie die schönste Laubverfärbung der Welt haben, darin sind sich die Menschen an der Küste von Maine, hoch oben im Nordosten der Vereinigten Staaten, so gut wie sicher. "Am allerschönsten ist der Indian Summer hier in Acadia, weil du das bunte Laub der Wälder vor dem klaren Blau von Meer und Seehimmel sehen darfst", meint Patty aus Boston. "Eigentlich schon immer" fährt sie mit ihrem Mann Anfang Oktober die 290 Meilen hier "rauf" zum ältesten Nationalpark der Ostküste: "Eine lausig kalte Nacht und dann eine klare Brise vom Atlantik", das sei das beste Rezept für kunterbunte Farbenpracht.
Land der Unschuld und Einfachheit
"Arcadia", so nannte der italienische Seefahrer Giovanni da Verrazzano die zerklüftete Küste mit den vielen Hü-geln und Inseln, als er im Jahr 1524 auf Entdeckungsfahrt nach Norden war: das "Land der Unschuld und Einfachheit" aus der klassischen Dichtkunst. Unschuld, Einfachheit, Erholung und vielleicht einen Rest Pionierland, das suchen heute über vier Millionen Parkbesucher pro Jahr - und fabrizieren im Sommer so manchen Stau auf dem Ocean Drive.
Doch das Jahr besteht nicht nur aus Juli und August und der Nationalpark nicht nur aus der einen, 50 Meilen langen Rundstrecke, von der aus man sich erste Eindrücke verschafft. Acadia, das heißt auch Frühling, wenn die Wildblumen und die Wälder am Cadillac Mountain zu neuem Leben erwachen, ein sommerliches Bad im Echo Lake nach einer Radtour über die Kutschenwege oder ein nebliger Herbsttag, wenn nur das Gekreische der Möwen, das Tuckern eines Hummerkutters und das Tuten eines Nebelhorns durch das verwunschene Grau dringen.
Wo die Sonne früher aufgeht
Doch wer unter dem Gütesiegel "Nationalpark made in USA" nur Sensationen vom Schlage eines Grand Canyon oder Yellowstone erwartet, muss sich in Acadia umbesinnen. Gewiss, da ist "Thunder Hole", das "Donnerloch", wo die Brandung bei steigender Flut mit solcher Urgewalt in eine Felsnische kracht, dass man den Schlag im Magen fühlen kann; und da ist Cadillac Mountain, mit 466 Metern die höchste Erhebung der Atlantikküste bis runter nach Brasilien. Nirgendwo in den USA sieht man die Sonne früher aufgehen als von hier oben - womit der unvermeidliche Superlativ, der mit einer amerikanischen Touristenattraktion einherzugehen hat, auch für Acadia erfüllt wäre.
Acadia ist vor allem ein Park der Kontraste, ein federnder Waldweg, der plötzlich auf den schroffen Klippen einer Bucht endet. Hat man eben noch Blaubeeren gepflückt, so kann man jetzt Muscheln und Seesterne in einer Pfütze bewundern, die die Flut zurückgelassen hat. Und war man vorhin noch allein mit sich und der Natur, so steht man jetzt vor der verschlafenen Geschäftigkeit eines kleinen Nests, das auf "Harbour" endet und irgendwie vom Meer lebt. Keine noch so schlichte Pinte, die hier nicht frischen Hummer auf der Karte hätte.
Denn Acadia ist auch ein Park der Inseln. Sein Hauptteil liegt auf Mount Desert Island: Hier führen die gut ausgebauten Parkstraßen zu den kleinen Seen und Buchten, hier wandert man den ganzen Tag lang, klettert, reitet, paddelt, kommt mit der kanadischen Autofähre oder dem Kreuzfahrtschiff im Hauptstädtchen Bar Harbour an oder fährt über die kurze Brücke vom Festland rüber.
Für das richtige "Insel-Feeling" muss man allerdings nochmal aufs unruhige Wasser der Frenchman Bay hinaus. Eine Dreiviertelstunde braucht das Postschiff zur Isle au Haut - mit etwas Glück trifft man einen prustenden Wal oder einen Weißkopfseeadler bei der Jagd. Oder man lässt sich unterwegs nach Baker Island vom Bootsmann die Geschichte der Familie Gilley erzählen, die sich im letzten Jahrhundert mit ihren zwölf Kindern und viel Gottvertrauen dort niedergelassen hat. Abends kann man sich wieder abholen lassen - oder man hat für eine Nacht ein Zelt dabei und fühlt nach, wie einsam der Leuchtturmwächter früher hier gelebt haben muss.
Sommerfrische der "besseren Kreise"
Und noch eine Geschichte muss erzählt werden, ohne die Acadia nicht Acadia wäre: die von Rockefeller und wie alles mal begann. Anfang des 20. Jahrhunderts war die verträumte Küste Acadias zur Sommerfrische der "besseren Kreise" aus New York, Washington und Boston geworden. Luxushotels, Mahagoni-Yachten und noble Clubs machten das kleine Bar Harbour zu einem St. Tropez der Ostküste und in den Hügeln verstreut lagen die großen Landhäuser der Rockefellers, Kennedys, Fords und Astors.
Ausgerechnet der Öl-Magnat John D. Rockefeller jr. war es, der im noch jungen Nationalpark ein Zeichen gegen den Vormarsch der stinkenden, knatternden Automobile setzen wollte. Er ließ ein über 90 Kilometer langes Netz von geschotterten Kutschenwegen (Carriage Roads) anlegen, die über 17 prächtige Natursteinbrücken die schönsten Seen und Panoramen Acadias miteinander verbanden.
Brand beendete das "goldene Zeitalter"
Im Herbst 1947 legte eine verheerende Brandkatastrophe die vornehmen Hotels und Cottages in Schutt und Asche: Mit einem Schlag war das "goldene Zeitalter" von Acadia Geschichte, nur Rockefellers "Park im Park" hat überlebt.
Und wenn Ende September der "goldene Herbst" über Acadias Wälder hereinbricht, dann lässt er sich am schönsten genießen bei einer Wanderung, einer Kutschenfahrt oder Fahrradtour auf den autofreien Carriage Roads.
INFO ACADIA
Lage Bundesstaat Maine, Ostküste der USA.
Reisezeit Der Park ist ganzjährig geöffnet, im Winter sind Besuchereinrichtungen geschlossen.
Anreise Int. Flughafen und Bahnhof: Bangor (ca. 80 km), von dort ein Mal täglich Greyhound-Bus nach Bar Harbour im Sommer.
PKW: ab Boston ca. 460 km nördlich auf Interstate 95.
Autofähre Bar Harbour (ab 8 Uhr) -Yarmouth/Nova Scotia (ab 16.30 Uhr, Fahrzeit 6 Stunden).
Unterkunft Zimmervermittlung: Chamber of Commerce, Bar Harbour, Maine 04609, Tel. (207) 288-5103.
Inseln Isle au Haut (mit Zeltplatz), Deer Isle und Baker Island, ganzjährig Postboote, nach Baker Island tägl. im Sommer Ausflugsboote ab Northeast Harbour. Infos beim Visitor Center.
Autor/in: LOTHAR STEIMLE
© SN
|