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Reiseberichte

Begegnung in New York
22. November 2003
Der Central Park in New York ist die größte Parkanlage der Welt. Stätte der Begegnung und Ansporn für arme Einwanderer, dem "American Dream" nachzujagen. Heuer feiert man das 150-Jahre-Jubiläum.

Jogger drehen ihre Runden, Skateboarder und Rollerblader machen sich einen Sport daraus, in halsbrecherisch engen Kurven um arglose Spaziergänger zu kreisen. Von unterschiedlichen Enden des Parks nehmen junge Leute zielstrebig Kurs aufeinander. Erholung Suchende, Liebespärchen, Geschäftsleute im schwarzen Anzug, die auf grüner Wiese in der Mittagspause einen Hamburger verdrücken: Der Central Park, die größte künstlich geschaffene Grünfläche der Welt, wirkt auf den ersten Blick wie das (klein-) bürgerliche Herz von New York. Ein Stück Natur gewordenes Filmklischee. Aber wer kann schon von sich behaupten, tiefer eingedrungen zu sein in die Geheimnisse dieser Grünanlage mit 340 ha? Da hätte das Fürstentum Monaco fast zwei Mal drin Platz.

Eher seltener verirren sich Touristen auf den "Gotham Miniature Golf Course": Hier kann man eine ruhige Kugel schieben zwischen den wichtigsten New Yorker Wahrzeichen im Modellbau-Format. Der reiche Donald Trump hat sich nicht nur mit einem der imposantesten Hochhaus-Geschäftszentren, sondern eben auch mit dieser Welt im Kleinen in New York verewigt.

Das "Strawberry Field"? Es liegt an der Westseite und ist nach einem Beatles-Song benannt. John Lennon ist 1980 ganz in der Nähe von einem geistig verwirrten Fan erschossen worden. Seine Witwe Yoko Ono hat zum 20. Todestag ihres Mannes eine Million Dollar in die Anlage des "Erdbeerfelds" investiert.

Beinah ein Treppenhauswitz: Der damalige Bürgermeister Rudolph Giulani weigerte sich, an einer Gedenkveranstaltung für John Lennon teilzunehmen. Er ist schließlich Opernfan! - Übrigens, Giulani und anderen Klassik-Freaks zum Trost: Auch die Metropolitan Opera kommt nicht ohne Central Park als Freiluftbühne aus und auch die New Yorker Philharmoniker geben sommersüber Gratiskonzerte.


Fischreiches Harlem-Meer


Fröhliche Nostalgie: Im Friedsam Memorial Carousel machen 58 handgeschnitzte Pferde die Runde. Von den beiden Tiergärten ist einer speziell für Kinder gedacht. Im "Harlem Meer", ganz im Norden, soll es trotz vieler Angler einen reichen Bestand an Welsen und Barschen geben. Der ungläubige Tourist wird belehrt: Die "catch and release"-Bestimmung sorgt für ein gedeihliches Nebeneinander von Anglern und Fischen. Alle gefangenen Fische müssen postwendend wieder ausgesetzt werden.


Blumenpflücken streng verboten!


Im Park darf man - theoretisch - nichts antasten, keinen Stängel knicken und keine (Him-)Beere pflücken. Eben deshalb kam in den achtziger Jahren ein gewisser Steve Brill mit dem Gesetz in Konflikt. Von Beruf ist er Naturkundelehrer, aus Leidenschaft aber "Wildman" im Central Park. Seit bald zwei Jahrzehnten, so die Fama, lebe er ausschließlich von jenen Dingen, die ihm die Natur zwischen 59. und 110. Straße, zwischen 5. und 8. Avenue liefert. Ein Beeren- und Kräutersammler im kultivierten Großstadtdschungel, mit Kochrezepten aus der Sioux-Tradition! Eine Presse-Kampagne hat den "Wildman" seinerzeit vor Verurteilung gerettet und ihm sein biologisches Fortkommen im Central Park gesichert.

Was für ein Datum wird heuer überhaupt gefeiert, wenn es heißt "150 Jahre Central Park"? Heutige Gäste in der Stadt können sich schwerlich ausmalen, wie es hier vor genau anderthalb Jahrhunderten ausgesehen hat. Ein sumpfiges Grasland, in dem etwa 1600 bettelarme deutsche und irische Siedler der Schaf- und Schweinezucht und dem Gemüseanbau nachgingen. New York war aber schon damals eine übervölkerte Boom-Town - und allmählich begann man die Fühler vom Süden Manhattans gen Norden auszustrecken. Immerhin war die Lage beinah schon dramatisch: Zwischen 1800 und 1850 war die Einwohnerzahl von 60.000 auf über 500.000 emporgeschnellt. Für so viele Menschen musste Infrastruktur geschaffen werden. Ehrgeizigen Bürgern mit dem Zeitungsverleger William Cullen Bryant als Wortführer wurde klar, dass New York bisher etwas nicht hatte, was in London oder Paris längst zur urbanen Lebensqualität gehörte: ein repräsentativer Park.

Eine Idee war auch, in der von krassen sozialen Unterschieden gezeichneten Stadt einen sozialen Begegnungsraum zu schaffen: Die armen neuen Einwanderer sollten im Park die Reichen in ihren schönen Kleidern beobachten können und die Botschaft mitnehmen: Der "amerikanische Traum", die Möglichkeit sozialen Aufstiegs auf Grund eigener Tüchtigkeit, ist nicht bloß Legende! Ein Park also als sozialer Mutmacher . . .

1853 jedenfalls fiel der politische Entschluss zur Errichtung des Parks - deshalb das Jubiläum heuer. Baubeginn war 1857, Fertigstellung 1870.

Tatsächlich dauerte es also noch vier Jahre, bis die Sache ausgehandelt war. 33 Park-Entwürfe wurden begutachtet. Zwei damals prominente Landschaftsarchitekten bekamen schließlich den Großauftrag. Frederick Law Olmsted und der Engländer Calbert Vaux sahen eine Landschaftsgestaltung nach englischem Vorbild vor, mit Promenaden, Terrassen und Seen, Brücken, Unter- und Überführungen. Auch auf Kutschen war Bedacht zu nehmen.


Privileg eines "beautiful view"


Die Realisierung des Central Park brauchte über zwanzig Jahre und sprengte nicht nur den finanziellen Rahmen. Anstatt der vorgesehenen 1,5 Millionen Dollar war der siebenfache Betrag nötig, nämlich 10,5 Millionen Dollar. Vierzig Brücken wurden über die künstlich angelegten Binnengewässer gespannt, 217.952 Bäume, Büsche und Sträucher gepflanzt.

Etwa 400.000 Bewohner Manhattans haben das Privileg, aus ihren Wohnzimmern unmittelbar in den Park zu schauen. Das heißt: Noch einmal gut dreißig Prozent höhere Mietkosten in der ohnedies sündhaft teuren Stadt!

Ein besonders schönes Gebäude, restauriert nach den Originalplänen von Olmsted und Vaux, ist "The Dairy", was übersetzt "Molkerei" bedeutet. Gleich nach Fertigstellung des Parks - 1870 - wurde hier Stadtkindern vorgeführt, wie Kühe gemolken werden. Heute ist in der "Dairy" das Informationscenter der Central Park Conservancy mit einer Dauerausstellung zur Geschichte des Parks.

INFO CENTRAL PARK

Der Park
4 km lang, 500 m breit, 50 km Wegenetz. Jährlich bis zu 25 Millionen Besucher aus aller Welt.

Führungen
Die Central Park Conservancy bietet kostenlose Themenführungen mit ehrenamtlichen Guides. Wer etwas speziell über Architektur und Sozialgeschichte des Viertels um den Grand Central Park erfahren möchte, nimmt am besten Freitags um 12.30 Uhr an der kostenlosen Führung der Grand Central Partnership teil (Treffpunkt: Philip Morris Building an der Kreuzung der 42nd Street und Park Avenue). Auch der New York Road Runners Club bietet zwei Mal die Woche Führungen durch den Central Park an (Informationsschalter des NYRRC an der East 90th Street und 5th Avenue).

Sicherheit
115 Polizisten und sechzig Park Rangers sorgen für die Sicherheit - und damit ist der Central Park eine der sichersten Gegenden in der 20-Millionen-Stadt.

REINHARD KRIECHBAUM

© SN

 

diese seite | 24.11.2003 | 10:06

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