|
Woher und wohin? Im Outback Australiens ist das die wichtigste Frage. Aber das begreift nur, wer dort einige Zeit gelebt hat. Wer nur auf Besuch kommt, gibt sich dem Schauspiel von Flora und Fauna hin.
Schriftstellern und Detektiven sagt man ein erotisches Verhältnis zu Pfeifen nach. Andere Leute haben nur Pferde im Kopf. Und manche stehen eben auf die legendäre Tiger-Moth. So wie Danny. "Was willst Du machen", fragt er, "Loops, Schrauben, Rückenfliegen . . .?" Wir drehen ab und die Landebahn von Torquai verschwindet hinter dem Seitenruder. Gerade noch habe ich mich so wohl gefühlt. Das satte Brummen des sternförmig angeordneten Havilland-Motors vermittelt bei weitem mehr Sicherheit als jeder Jumbo. Auch wenn der Pilot erst vierundzwanzig Jahre alt ist und der Doppeldecker mehr als siebzig Jahre unter den Schwingen hat.
Aber der ist handgepflegt und Danny kennt jedes Muttermal auf dem Holzpropeller. Ich studiere die Instruktionen der Tafel im Cockpit und bemerke die Sackerln darunter. Na schön, denke ich, bin ich eben feig. "Eigentlich wollte ich nur Luftaufnahmen machen", melde ich nach hinten. Mit so einem Vogel abzuheben, in einer Montur wie Sir Geoffrey De Havilland, mit Lederhelm und Air Force Jacket, ist mir Abenteuer genug.
Im Eukalyptuswald: Paradies der Koalas
In Torquai beginnt die Great Ocean Road. 300 km Bühne für die Akteure Flora und Fauna, Geologie und Indischer Ozean. Tertiäre Regenwälder wuchern in den modrigen Senken der Otway Ranges. Wasser rauscht in Kaskaden zum Grund dämmriger Schluchten. Durch das Spitzenwerk zarter Blätterbaldachine von Farnbäumen und Südbuchen flöten süß und heiser fremde Vogelstimmen. An freieren Stellen wächst Eukalyptuswald, ein Paradies für Koalas, denn die fressen nur Eukalyptusblätter. Sogar ihr Pelz duftet nach dem ätherischen Öl. Nahe der Parker River Bridge dösen die Teddybär-Vorlagen für Fotografen formatfüllend auf ihren Futterbäumen. Gefressen wird nämlich nur nachts.
Keine zweitausend Seemeilen trennen den Regenwald vom Packeis, der Bundesstaat Victoria liegt weiter südlich als das Kap der guten Hoffnung. Entlang der "Shipwreck Coast" wird die Panoramastraße zur wildromantischen Aussichtsterrasse. Sturm und Gezeiten haben kolossale Klippen, bizarre Felsnadeln, Bögen und Mauern aus der Steilküste gefräst. Weit landeinwärts schießt das Wasser durch unterirdisch ausgewaschene Tunnel in Fontänen zum Himmel.
Szenenwechsel: Nur eine Stunde nördlich liegt die Gebirgswildnis des Grampians-Nationalparks. Genießen wir als Erstes das Bouquet eines australischen Shiraz, in Höhe der Baumkronen, am Sofa einer Glasveranda der Mount Abrupt Eco Lodges. Eine gute Stärkung für die abenteuerliche Piste durch überflutete Furten, über Schotter und dunkelrote Erde. Prachtvoll grüne Lorakeet-Papageien schweben lautlos durch silbrig schimmernden Eukalyptusbusch. Kakadu-Schwärme veranstalten ein Höllenspektakel. Draußen in der hitzeflirrenden Luft des offenen Graslands zelebrieren die scheuen Emus eine Art Zeitlupenballett, während ganze Herden von Kängurus durch den lichten Buschwald jagen.
Lebendige Kultur der Aboriginals
Ihre gewaltigen Sprünge erinnern ebenso an Jurassic Parc wie die martialisch aussehenden Reptilien, die sich am Straßenrand sonnen. Kragenechsen und Dornteufel sind jedenfalls häufiger als die geheimnisvollen Felsmalereien der Aboriginals. Doch manchmal findet man in den zerklüfteten Bergen sogar Speerspitzen, Schaber oder Farbnäpfchen. Ein solches Steinwerkzeug in der Hand zu halten ist etwas anderes, als es im Schaukasten eines Museums zu betrachten.
Wer keine Gelegenheit hat, ein Reservat dieser warmherzigen und liebenswerten Menschen zu besuchen, findet im Aboriginal Tandanya Cultural Institute in Adelaide, der Hauptstadt des Bundesstaates South Australia, vielfältige Zeugnisse einer vibrierend lebendigen Kultur. Projekte wie das National Aboriginal Dance Festival sind hier beheimatet und in der Galerie können Werke so prominenter Künstler wie Emily Kame Kngwarreye, welche Australien auf der Biennale in Venedig vertrat, gekauft werden.
Tiefstes Outback erwartet den Freiheit Suchenden in Arkaroola. Wenn es jemanden gibt, der seinen Platz gefunden hat, so ist es Doug Sprigg. Unterwegs mit dem Buschpiloten, Ranger und Wissenschafter, werden sogar Steine lebendig. Sie erzählen von einer der ältesten Landschaften der Erde: den Flinders Ranges nördlich von Adelaide. Riesen und Schlangen haben sie geschaffen, berichten die Traumzeitmythen der Aboriginals. Mag sein, wer will schon wissen, was vor einer halben Milliarde Jahren geschehen ist.
"Speedy Gonzales" ein Australier
Ohne 4WD macht der Trip hierher allerdings keinen Sinn und die Staublöcher, Waschbrett- und Kletterpisten stellen auch an den Fahrer härteste Ansprüche, härter als die Schatten zu Mittag. Wer diese Schwierigkeiten meistert, dem öffnet sich tatsächlich ein "Traumland" mit rot glühenden Schluchten, blü-henden Wüsten und verborgenen Wasserlöchern. Er wird vielleicht eine Quondon kosten, die vitaminreichste Frucht der Welt, oder entdecken, dass "Speedy Gonzales", die schnellste Maus, in Wahrheit Australier ist.
Am Stubbs Waterhole wird es Abend. Der Fels glüht malvenfarben und dann versinkt er in tiefem Indigoblau. Die beiden Wallabys am Wasser sind so nah, dass ich sie riechen kann. Als die Kängurus lautlos in der Finsternis verschwinden, steht der Himmel voller Sterne. Ich will hier nie mehr fort und lehne wie festgeklebt am warmen Fels. Dann steigt der Mond über den Rand der Schlucht und tanzt silbern auf dem schwarzen Wasserspiegel.
Was mache ich, wenn jetzt eine Schlange kommt, denke ich. Und dann denke ich, dass Schlangen ja nur beißen, wenn man überhaupt nicht damit rechnet.
INFO AUSTRALIEN
Aboriginals Englisch, auch Aborigines, Ureinwohner Australiens. Die "Aboriginer" (lat. "Ureinwohner") waren die Urbewohner der Landschaft Latium im alten Italien.
Anreise Die Lauda Air fliegt fünf Mal wöchentlich nach Melbourne.
Veranstalter Coco-Weltweit-Reisen, Innsbruck, Tel.: 0512/365 791; Fax: 0512/365 791-7; E-Mail: coco @cocotours.at. Wien, Tel.: 01/7262103; Fax: 01/7262105; E-Mail: wien@cocotours.at. Internet: www.coco-tours.at.
Unterkunft Clearwen Retreat (Apollo Bay), Tel.: 0061/523 770-64; Fax: 0061 523 770-54. Glenisla Old Homestead (Grampians, Henty HW.), Tel.: 0061/538 015-32; Fax:0061/538 015-66. Arkaroola Travel Center, Tel.: 0061/370-8454; Fax:-9360.
STEFAN KALMAR
© SN
|