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Reiseberichte

Wo der Kondor kreist
30. August 2003
Von Ecuadors Hauptstadt Quito aus der "Straße der Vulkane" entlang. Weg durch den dichten Regenwald mit der Machete freigeschlagen. Schon Alexander von Humboldt war vom Andenstaat hingerissen.

Lässig auf dem Dach des Autoferro sitzend, die Rucksäcke an den Dachstreben festgemacht, ging es in brausender Fahrt talwärts. Je näher wir an die berüchtigte Teufelsnase herankamen, desto mehr machte sich ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube breit. Die für die Gleise herausgesprengten Felsleisten waren oftmals so schmal, dass der Schienenstrang gerade noch Platz finden konnte. In den Kurven kam Angst auf, in die Tiefe zu stürzen.

Diese abenteuerliche Eisenbahnstrecke zwischen Alausi und Bucay, die 500 Höhenmeter auf wenigen Kilometern überwindet, zählt zu den spektakulärsten Trassenführungen in den Anden. Die Sternstunde für diese Bahn schlug im Jahr 1910, als die Strecke Quito-Guayaquil nach rund 30-jähriger Bauzeit in Betrieb ging.

Schon aus dem Flugzeug konnten wir die nach Norden und Süden enorm ausufernde Siedlungsfläche Quitos, der in 2850 Meter Höhe gelegenen Hauptstadt Ecuadors, deutlich erkennen. Ein riesiges Hochbecken mit ausreichend Platz für knapp zwei Millionen Menschen lag uns zu Füßen, das von den westlichen Kordilleren umrahmt wird und deren fern am Horizont sich abzeichnende Vulkane und Eisriesen wie Pichincha, Antizana, Cayambe oder Cotopaxi unsere Bewunderung hervorriefen.


Quitos Altstadt ein Weltkulturerbe


Quito rühmt sich, die schönste Hauptstadt Lateinamerikas zu sein! Zu dieser Überzeugung gelangte auch die UNESCO, als sie im Jahre 1979 die Altstadt zum Weltkulturerbe erhob. Zum einen liegt die Berechtigung hierfür sicherlich in der für Kolonialstädte typischen, klar durchgezogenen schachbrettartigen Strukturierung, zum anderen in den in reicher Zahl vorhandenen sakralen und profanen Bauten aus der spanischen Ära. Die "ciuadad colonial" litt an der seit Jahrzehnten erfolgten Abwanderung der wohlhabenden Oberschicht. Viele der ehemaligen herrschaftlichen Häuser können seit der Anerkennung durch die UNESCO wieder einer besseren Zukunft entgegensehen. Die geschlossene Umrahmung der Plaza de la Independencia durch Kirchen und Paläste, obwohl inmitten der pulsierenden Altstadt gelegen, macht sie zu einem Ort der Ruhe und Entspannung.

Ein kleines Stück weiter, am Ende der Jose`-de-Sucre-Straße, wird die platzartige Erweiterung von der größten und ältesten Kirche Quitos beherrscht. Für das Kircheninnere von San Francisco, das verschiedenste Kunstrichtungen wie Renaissance, Barock, aber auch den spanischen Mudejar-Stil in sich vereint, fand wohl seinerzeit schon Pater Fernando de Cosare die richtige Beschreibung, als er meinte, es sei ein Traum in Farben und Gold.

Träge wälzte der Rio Napo seine braunen Wassermassen in Richtung Amazonas. Ein kühles Morgenlüftchen sorgte in den Schlafräumen der Dschungellodge "Casa del Suizo" für angenehme Temperaturen. Während zwei Kolibris rastlos die Blütenstände der Gartenanlage abweideten, begann sich allmählich der restliche Nebel, der wie Watte über dem Regenwald lag, aufzulösen. Vor zwei Tagen waren wir von Quito aus in den Oriente aufgebrochen, jene Provinz östlich der Anden, die bereits im Einzugsbereich des Amazonas liegt.

Wie ausgemacht, erwartete uns José vom Stamm der Quechua bereits um 9 Uhr mit seinem Boot. Zunächst ging es ca. 1 Stunde flussabwärts, bis wir endlich an einem der zahllosen Nebenarme des Rio Napo bei einer winzigen Indianersiedlung an Land gingen. Nun war eine etwa 3-stündige Wanderung durch den Regenwald geplant. Drückende Schwüle und tiefer Boden machten uns das Vorwärtskommen nicht gerade leicht. Zeitweise war bei guter Fantasie ein Pfad erkennbar, oft aber gab Jose`, unter heftiger Benutzung seiner Machete, die Richtung vor.

Die Panamericana, die legendäre Traumstraße der Welt, die zwischen den andinen Hauptketten des Landes verläuft, stellt die wichtigste Verbindung zu den Nachbarländern Venezuela im Norden und Peru im Süden dar. Sie durchmisst das eigentliche Hochland Ecuadors und wird im Abschnitt südlich von Quito unter der Bezeichnung "Straße der Vulkane" geführt. Unser neuer Guide namens Gonzalo, der mit Stolz auf die junge Existenz mehrerer Nationalparks hingewiesen hatte, konnte uns rasch dafür gewinnen, zumindest zweien davon die Ehre zu erweisen. Durch die unbeschwerlichen Auffahrten in Höhen von 4000 bis sogar 4300 Metern erschienen die Eisriesen Cotopaxi (5897 m) und Chimborasso (6310 m) zum Greifen nahe und hielten uns ihre Stirn entgegen. Mit Wildpferden und Lamaherden hatten wir gerechnet, aber dass wir sogar drei Kondore im majestätischen Flug vor unser Fernglas bekommen sollten, daran hatten wir nicht zu glauben gewagt.

Die "Indigenas", die den Hauptteil der ländlichen Bevölkerung im Hochland stellen, unterliegen einer immer stärker werdenden Abwanderung. Als besonders verlockende Ziele erweisen sich die großen Städte sowie das Küstentiefland. Die kargen und steilen Äcker ihrer Minifundien, die mancherorts bis in Höhen von 3800 Metern anzutreffen sind, erbringen Erträge, die gerade zum Überleben reichen. So darf es nicht verwundern, wenn man im Viehhandel, seit einigen Jahrzehnten auch in der Weberei bzw. im Kunsthandwerk, weitere Standbeine entdeckte.


Ein Maximum an Natureindrücken


Trotz aller Versuche der Weißen, die "Indigenas" als minderwertig, dumm und ungebildet hinzustellen, zählen sie schlechthin zu den schillerndsten Gestalten dieses Andenstaates. Nirgendwo sonst ist es angebrachter und passender, Menschenstudien zu betreiben, als auf den Indiomärkten. Ob in Gamote, Latacunga oder in Otavallo, überall wird dem Markttag neben dem wirtschaftlichen auch ein kommunikativer Stellenwert eingeräumt.

Bezeichnender kann eine Charakterisierung einer Reise durch Ecuador gar nicht ausfallen, als sie vom deutschen Universalgelehrten Alexander von Humboldt Anfang des 19. Jahrhunderts erbracht wurde: "Die dem Äquator nahe Gebirgsgegend ist der Teil der Oberfläche unseres Planeten, wo im engsten Raume die Mannigfaltigkeit der Natureindrücke ihr Maximum erreicht."

INFO ECUADOR

Allgemeines
Republik im NW Südamerikas, grenzt an Pazifik, Kolumbien und Peru, Fläche 273.473 qkm, Amtssprache Spanisch.

Einreise
Kein Visum erforderlich.

Reisezeit
Ecuador kann ganzjährig bereist werden.

Gesundheit
Für die Einreise sind keine Impfungen vorgeschrieben, für Aufenthalte im Küstengebiet und im Amazonas-Tiefland ist eine Malariaprophylaxe aber unbedingt anzuraten.

Sicherheit
Bei Menschenansammlungen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, ganz besonders aber auf Märkten ist mit einer großen Präsenz von Taschendieben zu rechnen.

Zeitverschiebung
Die Zeitdifferenz zu Mitteleuropa beträgt im Winter 6 Stunden, im Sommer 7 Stunden.

HEIMFRIED MITTENDORFER

© SN

 

diese seite | 01.09.2003 | 11:12

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