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Die Insel Reunion ist ein Überseedepartement Frankreichs. Man spricht Kreol, lässt es sich mit den Euros aus der Sozialhilfe gut gehen und der Tropenwald gedeiht wie am dritten Tag der Schöpfung.
Langsam färbt die aufgehende Sonne das frostige Dach der Insel. Dafür klettert in St. Pierre an der Küste das Thermometer auf über 30. Auf dem Friedhof prangt das bizarre Grab des Massenmörders Sitarane, blutrot lackiert wie die christlichen Heiligtümer an den Straßenrändern, ebenso mit Blumen und Kerzen übersät. Darüber hinaus genießt der böse Geist reiche Opfergaben an Zigaretten und Schnaps von Rachedurstigen, welche ihn auf Feinde hetzen wollen. Animistische Vorstellung wie diese kamen einst mit den Sklaven der Zuckerbarone aus Afrika und leben bis heute in der kreolischen Bevölkerung fort.
Auf Reunion ist die kreolische Lebensart viel ausgeprägter als auf der Nachbarinsel Mauritius. Doch obwohl die Arbeitslosenrate bei 40 Prozent liegt, finden sich hier keine Elendsquartiere. Im Gegenteil. Die ehemalige Kolonie ist ein Teil Frankreichs und mit den Euros der Sozialhilfe fahren die Bedürftigen schnuckelige Autos.
Das Hügelland der Küste mit seinen kreolischen Villen und Gemüsegärtchen, erstklassigen Straßen und verträumten Ortschaften wie St. Joseph oder St. Philippe erinnert ein bisschen an die Provence. Bananen-, Litschi- und Ananaspflanzungen, Palmen und violett blühender Palisander setzen tropische Akzente. In höheren Lagen destillieren verarmte weiße Siedler Geraniumöl für die Parfumindustrie.
Freitags trifft sich die halbe Insel und die ganze kreolische Küche am Strand von St. Paul. Die Ladentische quellen über von den Genüssen des Indischen Ozeans, von Chou-Chou-, Curcuma- und Combavagemüse, von saftig süßen Goyavierfrüchten und Papayas. Durch die luftigen Marktstände zieht der Duft von Vetyver, Vanilleschoten und Faham-Orchideen, mit welchen der Rum aromatisiert wird. Zwischen den Mustern geflochtener Matten und Taschen aus Vacoablättern leuchtet der massive Goldschmuck gut aufgelegter Marktfrauen.
Abends spielt die Band beim Café Bergere und neben den Plastiksesseln stehen gut gefüllte Körbe im schwarzen Sand. Menschen aller Hautfarben, von Milchkaffee bis Mokka, genießen zusammen den Feierabend. In der Dämmerung verschwimmen die Unterschiede, was nicht weiter von Bedeutung ist, denn Vermischung ist das Ideal der Reunionesen. Jedenfalls sind sich alle darüber einig, dass der Tag so viele Stunden hat, wie er braucht. Bobo, der Papagei der Strandbude von Boucan Canot, beherrscht den gewissen Pfiff so gekonnt, dass sich die Mädchen umdrehen.
Der prachtvolle Strand ist wild und fast menschenleer, nur am Wochenende ist mehr los. Der Indische Ozean leuchtet wie flüssiger Smaragd und ist plantschwarm. Es braucht nicht viel, um hier glücklich zu sein, ein Stückchen Stoff für die Blöße, eine Flasche Vin de Pays für den Sonnenuntergang. Vielleicht findet sich ein Palmschaft als Kopfkissen. Abends schaut man ins Mambo Mambo in St. Gilles, wo Bonvivants, Banker und Schönheiten aus Madagaskar oder Paris die Tanzfläche bevölkern. An Rum herrscht kein Mangel.
Das Naturschauspiel der Grand'Anse berauscht selbst Nüchterne. Mit gemächlichen Pausen donnern die Brecher an den makellos weißen Strand. Über der bizarren Geometrie von Palmen und Vacaos träumen weiße Tropical Birds in einem unendlich tiefen Himmel. Gelegentlich soll es hier zu Schwüren ewiger Treue kommen, der Ort besitzt magische Qualitäten.
Ihr Innenleben zeigt die Insel an der Abbruchkante der Küstenhänge. Der Blick fällt über senkrechte Wände in die Tiefe. Drei gewaltige "Cirques", zehn Kilometer weite Einsturzkrater, gruppieren sich um den Piton de Neiges. In verborgene Welten, über die Wipfel von Farnbäumen und Farbhölzern entführt der Helikopter den Staunenden. Ein kreisrunder Kessel öffnet sich, Kaskaden und Regenbögen stürzen in den schwarzen See.
Unterwegs im Foret de Belouve mit dem Biologen Christian Goloubief offenbart sich der tropische Bergregenwald. Kein Biotop am Weg durch den knöcheltiefen Schlamm, dessen Mitwirkende ihm nicht bekannt sind. Was er darüber nicht weiß, ist nicht wissenswert. Seine Großeltern waren 1917 von Minsk nach Paris geflohen und Christian ist über Umwegen auf La Reunion gelandet. "Und in diesem Fluss", erklärt er, "gibt es viele . . .", er sucht nach dem Wort, "Fisch von Schubert". Schubert im Indischen Ozean? Ah, Forellen!
Autor/in: STEFAN KALMAR
© SN
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