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Reiseberichte

Zauberreich der Hoodoos
12. April 2003
Klein und voller Ehrfurcht blickt ein Menschlein die über 60 Meter hohen Wände der Wall Street hinauf. Ganz dort oben ist ein Stück Himmel zu erahnen. Kein Sonnenstrahl verirrt sich bis nach unten.

Trotzdem kommen Kenner gerne erst im Winter hierher, selbst wenn die Wall Street dann regelmäßig zugeschneit und geschlossen ist.

Nein, die Rede ist nicht von Amerikas Finanzplatz Nr. 1. Bei dieser "Wall Street" im südlichen Utah geht es auch nicht um millionenschwere Aktienpakete und undurchschaubare Transaktionen, sondern um Jahrmillionen Erdgeschichte, um wundersame Erosionen - und ganz, ganz viel Natur. Hier an die "Wall Street" gehen heißt, nach einem steilen Abstieg durch lachsrote, absurd geformte Felsklippen mittendrin in einem der größten Naturwunder der Erde zu stehen: auf dem Grund des Bryce-Canyon-Nationalparks.

"Rote Felsen, die wie Menschen in einer schalenförmigen Schlucht stehen", so nannten die Paiute-Indianer knapp und treffend diese Landschaft, lange bevor sich der Schotte Ebenezer Bryce im Jahre 1875 hier niederließ, um Vieh zu züchten. Ganze fünf Jahre hielten er und seine Frau Mary es hier aus, dann suchten sie ihr Glück in Arizona. Nur ihr Name, ein verblichenes Foto und ein Fluch über den Canyon blieben von ihnen zurück: "A helluva place to lose a cow!" - Der allerdümmste Ort, wenn dir eine Kuh davonläuft!

Eigentlich ist Bryce Canyon gar keine richtige Schlucht, hat trotz räumlicher Nähe auch wenig mit einem Grand Canyon oder anderen spektakulären Einschnitten hier im Colorado-Plateau gemein. Es handelt sich vielmehr um eine Kette von Amphitheatern, die sich am Abbruch des Paunsaugunt-Plateaus auf rund 40 Kilometern wie die sprichwörtlichen Perlen an der Kette aufreihen. Vor etwa zehn Millionen Jahren begann sich das heutige Utah durch die Verschiebung der Kontinente und die Faltung der Rocky Mountains zu heben. Seither haben Wasser und Wind, Frost und Hitze Schicht für Schicht seines Randes gesprengt, zersetzt und abgetragen - Kalkstein, Lehm, Sandstein und Sedimente urzeitlicher Meere, Wüsten- und Sumpflandschaften. Und irgendwie sind sie dabei stehen geblieben, jene kirchturm hohen Steinsäulen, Wände und Burgen, die "Hoodoos" genannt werden.

Sie leuchten in vielen Farben und je nach Sonnenstand und Wetterlage heben sie sich mal kräftig und voller Konturen aus ihrer Umgebung ab oder schimmern zart und zerbrechlich, so als habe sie ein orientalischer Kunsthandwerker aus Alabaster geformt.

Wunderwelt beflügelt Fantasie der Besucher

Seit der Park im Jahr 1928 gegründet wurde, haben "Hoodoos" die Fantasie der Besucher beflügelt: "Thors Hammer", "Queen Victoria", "Der Pudel", "Die stille Stadt", "Tower Bridge".

Am besten, man nimmt sich einen ganzen Tag Zeit für die Wunderwelt: Sonnenaufgang am Bryce Point, wenn das erste Licht die Spitzen der "Silent City" in sanftem Orange leuchten lässt und oben am Plateau den Nebel auflöst. Den Vormittag dann für eine Fahrt auf der 30 Kilometer langen Panoramastraße zum Rainbow Point. 18 Aussichtspunkte gilt es unterwegs "mitzunehmen" - jeder mit seinen ganz besonderen "Hoodoos" und Ausblicken auf schneebedeckte Berge, dunkle Wälder und geheimnisvolle Canyons. Rainbow Point, ganz im Südosten des Hochplateaus, glänzt mit einer Fernsicht, die an klaren Tagen an die 150 Kilometer reichen kann.

Doch so atemberaubend die Einblicke von oben auch sind: Kein Besuch in Bryce wäre komplett ohne wenigstens einen Abstieg unter die Kante! Einige der spektakulärsten "Hoodoos" bietet der steile "Navajo Loop Trail" rein in die "Wall Street" und weiter durch "Queen's Garden", von wo aus man nach moderatem Anstieg wieder nach oben gelangt.

Wer ausgetretene Pfade verlassen will, der kann den Park auch in zwei bis drei Tagen mit Rucksack, Zelt und ausreichend Wasser der Länge nach durchwandern. Auf 36 km führt der "Underthe-Rim-Trail" zum Rainbow Point, wo man auf einer weiteren Schleife den "Fünfziger" komplett machen kann.

Die wohl schönste Zeit im Jahr bleibt den meisten Besuchern jedoch verborgen: Winter im Bryce Canyon! Stets um Weihnachten verwandelt der erste Schnee den Park gänzlich in ein Wunderland. Weiß verzuckert kommen dann die roten "Hoodoos" daher wie "Santa Claus" im Rauschebart; schneebeladen beugen sich Douglasien und Ponderosa-Kiefern und die weit entfernten Navajo Mountains scheinen ebenso zum Greifen nah wie nachts der Sternenhimmel.

Mit dem Sonnenuntergang von "Sunset Point" muss ein Tag im Park noch lange nicht zu Ende sein. Unter Kennern hoch im Kurs steht eine Mondscheinwanderung durchs Amphitheater, wenn die versteinerten "Menschen" im Zwielicht der Geisterstunde zu neuem Leben "erwachen". Dazu das Klagelied des Koyoten, der Bryce Canyon ebenso seine Heimat nennt wie der Puma, der Schwarzbär und die Klapperschlange.

Autor/in: LOTHAR STEIMLE

© SN

 

diese seite | 14.04.2003 | 13:10

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