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Es gießt in Strömen. Ausgerechnet jetzt. In wenigen Stunden soll die Tour auf den Adam's Peak starten, und der Regen verwandelt gerade die Tausenden Stufen, die auf den Gipfel führen, in eine Rutschbahn.
Viel schlimmer noch aber ist der Gedanke an die Leeches. Diese kleinen roten Würmchen haben es am liebsten genauso feucht. Dann kriechen sie auf dich zu - Hunderte! - und saugen dir aus den Füßen und Beinen das Blut, diese grauslichen Egel, die selbst durch allerfestestes Schuhwerk und gewalkte Bergsocken ihren Weg ans menschliche Fleisch finden. Aber wir wären hier nicht in Sri Lanka, gäbe es nicht auch eine Ayuverdische Salbe, die, auf die Schuhsohlen geschmiert, den Biestern jegliches Anhalten oder gar Ansaugen unmöglich macht. Gerüchte und Geschichten machen am Fuße des Adam's Peak ihre Runden unter den Bergsteigern.
Der Gipfel ist in den grauen Regenwolken verschwunden. Dutzende kleine Bäche fließen die steile Hauptstraße von Dalhousie hinunter. Der von Teeplantagen umringte Ort im zentralen Hochland von Sri Lanka ist neben der Saphirstadt Radnapura einer der beiden Ausgangspunkte für die Besteigung des heiligen Berges. Adam, daher auch der Name, soll nach seinem Rausschmiss aus dem Paradies justament dort oben gelandet sein. Die Anhänger Buddhas wiederum sagen, der Erleuchtete habe seine Fußspuren auf dem 2224 Meter hohen Gipfel hinterlassen. Auch Gott Shiva und dem heiligen Thomas wird eine 'Besteigung' des heiligen Berges nachgesagt. Zumindest am Fuße des Adam's Peak stand Marco Polo, als er auf seiner Heimreise von China nach Italien auf dem alten Ceylon landete. 'Wolken gleiten im Morgengrauen von den Bergen', so beschreibt er in seinen Aufzeichnungen den Wallfahrtsort, der seit mehr als 1000 Jahren von jährlich Tausenden Pilgern heimgesucht wird.
Der Weg ist eine glühende Schlange
Junge und Alte kämpfen sich die Stufen hinauf. Viele Jugendgruppen, Schulfreunde, ganze Familien, Mütter mit Kleinkindern, Großväter am Gehstock wandern, ohne eine Spur von hektischem Gipfelstress zu haben, das Heiligtum empor. Einmal, heißt es, muss ein guter Buddhist auf dem Adam's Peak gewesen sein. Je öfter freilich, desto braver, und umso näher rückt der Eingang ins Nirwana. Manche läuten die Glocke auf dem Gipfel 25 Mal. Der Großteil der einheimischen Pilger ist barfuß unterwegs oder in Gummisandalen. Blutegel? Völlig egal!
Die Pilgersaison beginnt im Dezember und dauert bis zum Einsetzen des Monsuns im April. Abseits der Saison ist der Aufstieg zwar möglich, die Chance auf gutes Wetter jedoch gering. Die Anzahl der Touristen hält sich in Grenzen. Also auch keine Scouts, die gegen Kleingeld den Führer spielen wollen, und keine organisierten Touren. Wer hinauf gehen will, der geht ganz einfach hinauf. Der Weg ist nicht anspruchsvoll, wenn die Anzahl der Stufen auch schier endlos erscheinen mag. Was sicher als mehrtägige Folge bleibt, ist ein Muskelkater in den Unterschenkeln. Auch der Durchtrainierteste kommt nicht ohne Schmerz davon. Wer pilgert, muss eben leiden.
Das unvergleichliche Erlebnis ist der Aufstieg in der finsteren Nacht, die Ankunft auf dem Gipfel im Morgengrauen und ein atemberaubender Sonnenaufgang als Belohnung. Spielt das Wetter mit, wird Mensch Zeuge eines einzigartigen Naturschauspiels: in der aufgehenden Sonne wirft der Adam's Peak einen gigantischen Schatten. Als enorme Pyramide taucht er auf dem Horziont auf, der Berg, auf dem man steht.
Der Wecker läutet. Es ist ein Uhr früh. Drei bis fünf Stunden, so die eingeholten Informationen, dauert der Aufstieg. Es hat aufgehört zu regnen. Die Vorfreude auf den Berg hat die Angst vor den kleinen Blutsaugern besiegt (es war dann auch kein Würmchen zu sehen). Wie eine glühende Schlange windet sich der Weg, den Laternen und Teeläden säumen, zum Gipfel. Kann sein, dass manche deshalb zehn Stunden bis nach oben brauchten, weil sie zu viele Teepausen eingelegt haben. Für uns ist nicht der Weg - nicht jetzt, beim ersten Mal - das Ziel, sondern der Gipfel - Adam's Peak.
Der Platz unterm Himmel ist klein
Wir treten ein in die heilige Welt, passieren den steinernen Torbogen, vorbei an einer Dagoba, einer der vielen buddhistischen 'Kapellen' in Sri Lanka, die Relikte Buddhas beherbergen. Anfangs sind die Stufen noch in Serpentinen angelegt. Je näher es dem Gipfel zugeht umso steiler, schnurstracks nach oben führen sie. Wer nicht mehr kann, zieht sich am Geländer hoch. In knapp drei Stunden haben wir es geschafft.
Der Platz unterm Himmel ist klein, viele Menschen teilen sich ihn. Der Wind bläst, der Schweiß gefriert. Rundum nichts mehr, was die freie Sicht trüben könnte. Endlose Weite. Irgendwo muss Colombo sein. Ein japanischer Mönch schlägt seine Trommel, singt, ruft nach der Sonne, die sich mit einem orangeroten Wolkenteppich am Himmel ankündigt, immer höher steigt sie, bis plötzlich einer durch die Stille ruft: 'Die Pyramide!' Da ist sie - die Form haarscharf, mächtig, einzigartig, unglaublich. Wie hingezaubert steht der Schatten am Horizont, doch viel zu kurz.
Der Tag hat den Traum besiegt. Unter uns werden die grünen Täler, die Seen und Flüsse sichtbar, leichter Dunst steigt empor, ganz märchenhaft. Ein neuer Morgen, ein ganz besonderer, der wunderschönste.
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